Mainz. Sie sind als letzter Ausweg für verzweifelte Mütter gedacht: Die sieben Babyklappen in Rheinland-Pfalz. Binnen zehn Jahren sind dort 21 Babys anonym abgegeben worden. Manche Klappen stehen in der Kritik – aber die Träger weisen auf Alternativen hin.

Eine versteckte Schwangerschaft, monatelanges Versteckspiel und am Ende eine heimliche Geburt. Die junge Mutter ist alleine, verzweifelt, sieht keinen Ausweg. Wenn eine Frau in so einer Lage ist, sollen die sieben Babyklappen in Rheinland-Pfalz eine letzte Alternative für sie sein. An dieser Praxis gibt es aber auch Kritik, wie eine dpa-Umfrage zeigt. Die Trägervereine wollen Frauen viel früher erreichen und beraten – lange bevor ein Kind anonym in einer Klappe liegt und vermutlich niemals erfahren wird, wer seine Eltern sind.

Genutzt werden die Babyfenster sehr selten, darüber sind sich alle Verantwortlichen einig. Seit das erste Fenster im Jahr 2000 eingerichtet wurde, sind in Rheinland-Pfalz nach Angaben der rot-grünen Landesregierung bis zum Vorjahr insgesamt nur 21 Kinder abgegeben worden.

In der MAINZER Altstadt gibt es seit 2002 am Bruder-Konrad-Stift ein Babyfenster. „Wir haben einen richtigen Raum, dort steht ein Bettchen“, erklärt Margot Richarts vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF). Wird ein Kind abgelegt, dann ertönt ein Signal bei einer Schwester. Auch ein Arzt wird gerufen und das Jugendamt informiert. „Man möchte Frauen, die sich in einer ausweglosen Lage befinden, die Möglichkeit geben, ihr Kind im geschützten Rahmen ablegen zu können“, erklärt Richarts. Wie oft das Babyfenster genutzt wird, möchte sie nicht sagen. „Es geht nicht darum, eine Vielzahl von Fällen zu betreuen. Der einzelne Fall ist der, der einen betroffen macht.“ Laut Landesregierung wurden in Mainz bislang vier Säuglinge abgegeben.

In BAD KREUZNACH gibt es seit neun Jahren ein Babyfenster am Krankenhaus St. Marienwörth. Zwei Kinder sind seitdem dort abgelegt worden. Das dürfe aber nur als letzter Ausweg gesehen werden, teilte eine Sprecherin der Franziskanerbrüder vom Heiligen Kreuz mit. Die Beratung der schwangeren Frauen stehe an erster Stelle. Wird ein Baby abgegeben, informiert das Krankenhaus das Jugendamt. Dann wird eine Pflegefamilie gesucht, die das Kind mit Aussicht auf spätere Adoption in Obhut nimmt.

Von der Adoptionsvermittlungsstelle des SkF gibt es dagegen Kritik an dem Babyfenster, das 2002 am Kemperhof in KOBLENZ eingerichtet wurde. „Wir finden es sehr erschreckend, dass immer auf das Babyfenster hingewiesen wird“, sagt Sabine Lessing von der staatlich anerkannten Stelle. Eine Frau müsse ihr Kind alleine entbinden, das Fenster sei schwer zu erreichen – das hält Lessing nicht für sinnvoll. „Es gibt viel bessere Alternativen.“ Man wolle die Frauen viel früher erreichen und sie – auch anonym – beraten. Lessing betont die Möglichkeit, ein Kind zur Adoption freizugeben. Zwei Babys wurden seit 2002 in Koblenz abgegeben.

„Wir sind in Koblenz sehr froh, dass das Babyfenster sehr wenig genutzt wird“, sagt Lessing. Die Acht-Wochen-Frist, nach der ein Baby zur Adoption freigegeben werde, sei zudem oft falsch interpretiert. „Eine Mutter kann überhaupt erst nach acht Wochen festlegen, dass sie ihr Baby zur Adoption freigeben will“, erläutert Lessing. „Bei einem Kind, das im Babyfenster abgegeben wurde, gibt es keine Fristen.“ Bis zur endgültigen Adoption könne viel Zeit vergehen, auch mehr als ein Jahr. „Wir wissen nicht, ob sich die Eltern nicht doch noch melden“, erklärt Lessing. Die Familien, die das Kind aufnehmen, brauchten daher eine hohe Risikobereitschaft.

In TRIER sind bislang drei Babys anonym in einer Babyklappe abgegeben worden. Diese gibt es seit dem Jahr 2000. In allen drei Fällen seien die Kinder in Pflegefamilien untergebracht worden, sagt ein Sprecher der Stadt. Zudem sei ein Säugling Mitte Juni in einer Telefonzelle abgelegt worden. Hier konnte die Mutter ermittelt werden. Sie gab wirtschaftliche Not als Grund für ihre Tat an – und deutete an, dass sie das Kind nicht wieder zu sich nehmen will. Derzeit lebt das Baby bei einer vorläufigen Pflegefamilie.

Über den Babykorb des St. Marien- und St. Annastiftskrankenhaus in LUDWIGSHAFEN sind seit seinem knapp zehnjährigen Bestehen bisher fünf Neugeborene abgegeben worden. Auch dieses Jahr fanden die Pfleger und Ärzte ein Baby darin, völlig unüblich wurde es zur Mittagszeit hineingelegt, wie eine Krankenhaussprecherin sagt. Die anderen seien nachts abgegeben worden. In Ludwigshafen liegt neben einem Mützchen und einer Decke ein Informationsblatt für die Mütter in dem Korb. Hier erfahren die Frauen, dass sie sich nicht strafbar machen und ihr Kind zurückfordern können. Bisher ist dies nach dem Wissen der Sprecherin aber noch nicht geschehen.

Die Babyklappe des Westpfalz-Klinikums in KAISERSLAUTERN blieb dieses Jahr bisher leer. In den etwa sieben Jahren ihres Bestehens wurden insgesamt drei Kinder hineingelegt. Der Leitende Oberarzt Rolf Vortkamp kann dagegen nur von insgesamt zwei Babys berichten: Eines wurde über den Korb abgelegt, ein weiteres kleines Mädchen am Eingang eines Klinik-Nebengebäudes – nur etwa 25 Meter von dem Korb entfernt. Die Kinder wurden medizinisch versorgt und dem Jugendamt übergeben, die Mütter meldeten sich nicht. Auch in Kaiserslautern liegt ein Faltblatt mit im Babykorb, das die Mütter über ihr Recht aufklärt, sich nachträglich noch anders zu entscheiden.

Die Leiterin des Landesjugendamts in Mainz, Birgit Zeller, kennt die Kritik an den Babyfenstern. Sie verweist auf eine Stellungnahme des Deutschen Ethikrates aus dem Jahr 2009. Dieser bewertet die rechtlich umstrittenen Babyklappen sehr kritisch. Jeder Mensch habe das Recht zu erfahren, woher er kommt. Bei der anonymen Abgabe in einer Babyklappe werde dem Kind diese Möglichkeit genommen.

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